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​homas hatte sich bereits zwei Jahre nach der Geburt seines Sohnes Maximilian von Kerstin scheiden lassen. Er heiratete kurze Zeit später seine Kollegin Jutta, die die kleine Mara mit in die neue Ehe brachte. Sie hatte das Kind von ihrem Ex-Freund, der in einem Verkehrsunfall gestorben war.

Obgleich Mara nicht Thomas' Kind war, verstand er sich gut mit ihr. Zu Maximilian hatte er keinen Kontakt mehr. Die neue Familie war glücklich, bis Thomas an Krebs erkrankte. Nach einem langen Leidensweg verstarb er, ohne ein Testament gemacht zu haben. Er hinterließ eine Immobilien in München und 200.000 Euro auf der Bank. Bereits wenige Tage nach dem Tod meldete sich Kerstin bei der trauernden Witwe und kündigte an, dass es an der Zeit wäre, sich mit dem Erbe auseinanderzusetzen. Immerhin würde Maximilian einen Teil der Immobilien in München und Geld erben. Doch was ist mit Mara? Würde sie als Stiefkind nichts bekommen? Jutta informierte sich, was das Erbrecht für Stiefkinder aussagt.

Sind Stiefkinder mit ihren Stiefeltern juristisch gesehen verwandt?

In einer Patchwork-Familie geht es manchmal harmonischer zu, als in einer Familie mit ausschließlich leiblichen Kindern. Dies ist sehr schön, aber hat juristisch gesehen keine Bedeutung. Leibliche Kinder und Stiefkinder erben ohne Testament oder Erbvertrag nicht gleich. Im Fall von Thomas bedeutete dies, dass Mara nichts erbte. Thomas leiblicher Sohn Maximilian hingegen war erbberechtigt. Dies ärgerte Jutta und sie überlegte, ob ihrer Tochter nicht zumindest ein Pflichtteil zustehen würde. Doch dem war nicht so. Stiefkinder können keinen Pflichtteil vom Stiefelternteil beanspruchen. Sie sind nur gesetzlicher Erbe ihres leiblichen Elternteils. Dadurch werden sie zugleich jeglicher Pflichten enthoben, die mit dem Erbe einhergehen. Dazu gehört auch die Kostenübernahme der Beerdigung.

Gehören Stiefkinder zur gesetzlichen Erbfolge?

Die gesetzliche Erbfolge greift immer dann, wenn kein Testament und kein Erbvertrag die Erbschaft regelt. Nach ihr gehören zu den ersten Begünstigten eines Nachlasses der Ehepartner und die leiblichen Kinder. Da es keine Blutsverwandtschaft zwischen dem Erblasser und dem Stiefkind gibt, sind Stiefkinder von der gesetzlichen Erbfolge ausgenommen. Dabei ist für das Erbrecht unerheblich, ob es eine enge emotionale Beziehung zwischen dem Verstorbenen und dem nicht-leiblichen Kind gab.

Kann es passieren, dass Stiefkinder laut Erbrecht nichts erben?

Wie die vorherigen Fragen und der Fall von Thomas zeigen, kann es sein, dass Stiefkinder nichts erben. Da Stiefkinder juristisch gesehen nicht mit ihren Stiefelternteil verwandt sind und somit auch nicht bei der gesetzlichen Erbfolge berücksichtigt werden, können sie beim Erbe laut Erbrecht leer ausgehen. Um das zu verhindern, hätte Thomas bereits vorab ein Testament aufsetzen oder einen Erbvertrag unterzeichnen müssen. In diesem legt er seinen Willen dar, dass Mara einen Teil der Erbschaft empfangen soll. Eine weitere Möglichkeit ist, das Stiefkind zu adoptieren.

Erbschaft fürs Stiefkind: Erben adoptierte Stiefkinder?

Damit ein Stiefkind rechtmäßig den Status eines leiblichen Kindes erhält, muss der Stiefelternteil dieses Kind adoptieren. Auf diese Weise wird das adoptierte Kind auch bei der Erbschaft berücksichtigt, wenn es kein Testament und keinen Erbvertrag gibt. Wie die leiblichen Kinder profitiert es von den gleichen Freibeträgen beim Erben. Doch Vorsicht: Eine Adoption ist in der Praxis oft keine Option, da sich beispielsweise ein leiblicher Elternteil des Kindes dagegen ausspricht. Im Fall von Thomas wäre eine Adoption vermutlich möglich gewesen, da der leibliche Vater der kleinen Mara bereits tot war. Seine neue Frau und damit Maras Mutter hätte die Adoption gemeinsam mit Thomas einleiten müssen.

Wie lässt sich eine Erbschaft unter leiblichen Kindern und Stiefkindern verteilen?

Eine Adoption ist nicht erforderlich, um dem Stiefkind etwas zu vererben. Die gesetzliche Erbfolge lässt sich mit Testamenten und Erbverträgen in Teilen umgehen. Auf diese Weise kann ein Stiefelternteil sicherstellen, dass das Stiefkind erbberechtigt wird. Zusammen mit einem kompetenten Rechtsanwalt für Erbrecht lassen sich sehr individuelle Verfügungen mit Sorgfalt aufsetzen. Wichtig hierbei ist, sich vorher gut zu überlegen, wo der finanzielle Fokus liegen soll. Kurz gesagt: Wer erbt was und wie viel? Die unterschiedlichsten Szenarien sind möglich. Häufig soll der hinterbliebene Partner die gemeinsam bewohnte Immobilie erhalten und die leiblichen sowie angeheirateten Kinder sollen in gleichen Teilen erben.

In Thomas Fall wäre solch eine Verfügung wünschenswert gewesen, um den anstehenden Erbschaftsstreit zu vermeiden. Seine Stieftochter erhält nun kein Erbe. Seine neue Frau Jutta und sein leiblicher Sohn Maximilian erben. Sie teilen sich das Vermögen auf der Bank  und müssen nun als Erbengemeinschaft bestimmen, was mit den Immobilien in München passiert. Beauftragen Sie einen Makler, um die Häuser zu veräußern oder wollen sie diese gemeinsam vermieten, um sich die Mieteinnahmen zu teilen? Es gibt viel zu klären, wenn Immobilien und Erbrecht aufeinandertreffen. Eines ist jedoch sicher: Maximilian als Pflichtteilsberechtigter, kann darauf bestehen, dass Jutta ihm den Wert der Immobilien auszahlt. Es kommt daher oft zu Schwierigkeiten, wenn von einer Erbengemeinschaft eine Immobilie oder ein Grundstück geerbt wird.

Ist das Berliner Testament etwas für Patchworkfamilien?

Das Berliner Testament bedeutet, dass die Ehepartner sich gegenseitig als Alleinerben einsetzen. Zugleich binden sie sich an bestimmte Vorgaben. Dazu kann beispielsweise gehören, wie der Nachlass später an die Stiefkinder und leiblichen Kinder weitergegeben wird. Dies mag sich nach einer vernünftigen Lösung anhören, aber die Praxis lehrt etwas anderes. Stirbt ein Partner, erbt der Hinterbliebene im ersten Schritt alles. Er kann nun die einst gemeinsam fixierten Vorgaben zwar nicht gänzlich abändern, jedoch sind Schlupflöcher vorhanden. Ein Beispiel: Der überlebende Ehepartner könnte beschließen, seinen leiblichen Kindern bereits zu Lebzeiten das künftige Erbe in Form von Schenkungen zu überlassen. Zulässig ist dies eigentlich nicht, wenn im gemeinschaftlichen Testament ebenfalls die Stiefkinder des Hinterbliebenen berücksichtigt würden, aber möglich ist es. In der Regel ist Rückabwicklung unmöglich, da sich die Schenkungen oft nur schwer beweisen und nachvollziehen lassen.

Im neuen Testament die Stiefkinder berücksichtigen: Wird das alte Testament ungültig?

Obgleich die meisten Bundesbürger kein Testament machen, gibt es solche, die gleich mehrere aufsetzen. Es besteht die Annahme, dass durch eine neue Verfügung die alte Verfügung nicht mehr gültig sei. Dies stimmt nur eingeschränkt. Um Streitigkeiten und Ungereimtheiten zu vermeiden, sollte stets darauf geachtet werden, die ältere Verfügung abzuändern. Auf diese Weise kann sichergestellt werden, dass es keine inhaltlichen Widersprüche gibt.

Wie kann ein Erblasser am besten sicherstellen, dass die Stiefkinder erben?

Damit die Stiefkinder gesichert einen Teil der Erbschaft erhalten oder gar den leiblichen Kindern gleichgestellt sind, sollte anstelle eines Testaments ein Erbvertrag gewählt werden. Ein Erbvertrag wird von einem Notar beurkundet, weswegen dafür Kosten anfallen. Ihre Höhe hängt vom Umfang des Nachlasses ab. Was genau der Erbvertrag aussagt, kann individuell bestimmt werden.

Wie sieht es mit dem Pflichtteil für leibliche Kinder aus?

Leibliche Kinder haben einen Anspruch auf einen Pflichtteil. Wer einen Erbvertrag aufsetzt und darin die leiblichen Kinder und Stiefkinder gleichstellt, sollte zugleich mit dem blutsverwandten Nachwuchs einen Pflichtteilsverzicht vereinbaren. Im Rahmen dessen können die leiblichen Sprösslinge vorab einen kleinen Anteil des Nachlasses erhalten.

Können leibliche Kinder enterbt werden?

Manchmal kommt es in Familien zu einem großen Streit, was das Verhältnis zwischen einem Elternteil und seinem leiblichen Kind zerrüttet. Oft bricht der Kontakt sogar komplett ab und auf einmal stehen die Stiefkinder dem Stiefelternteil näher als seine leiblichen Kinder. Manch ein Elternteil beschließt nun, sein eigenes Kind zugunsten der Stiefkinder zu enterben. Doch dies ist gar nicht so einfach möglich. Eltern können ihre Kinder nur enterben, wenn starke Gründe dafür vorliegen. Ein nicht bestehender Kontakt reicht nicht aus. Das leibliche Kind müsste Mutter oder Vater misshandeln oder gar nach seinem Leben trachten, um nicht mehr erbberechtigt zu sein. Ansonsten erbt dieser seinen Pflichtteil und etwaige Schulden. Das blutsverwandte Kind kann demnach so gut wie immer einen Erbschein beantragen. Selbstverständlich steht ihm wie jedem Erbberechtigten frei, den Nachlass anzunehmen oder das Erbe auszuschlagen.

Erbe für Stiefkinder: Wie viel Erbschaftsteuer zahlen sie?

Das Erbrecht bei Stiefkindern sagt deutlich aus, dass sie bei einer gesetzlichen Erbfolge nichts erben. Sie können demnach nur etwas erben, indem Stiefvater bzw. Stiefmutter sie mithilfe eines Testaments begünstigen. Wird dies getan, kann für die Stiefkinder eine Erbschaftsteuer anfallen. Doch wie hoch ist sie? Fallen sie in die Gruppe der „Nicht Verwandten“, wie es beim Erbrecht der Fall ist?

Während die gesetzliche Erbfolge Stiefkinder ausklammert, sieht das Erbschaftsteuerrecht sie als reguläre Kinder des Erblassers an. Sie werden somit nicht „stiefmütterlich“ behandelt. Stattdessen profitieren die Stiefkinder nach § 15 Abs. 1 Nr. 2 Erbschaftsteuer- und Schenkungssteuergesetz (ErbStG) von den gleichen Vorzügen wie die leiblichen und adoptierten Kinder. Das bedeutet, dass für sie der humane Steuersatz der Steuerklasse I gilt. Er beginnt bei 7 %. Darüber hinaus spricht das Gesetz ihnen einen Freibetrag von 400.000 € zu. Dies ist nach dem Freibetrag für Ehepartner der höchste Satz überhaupt.

Diese steuerliche Behandlung wird sogar noch dann angewendet, wenn die Patchworkfamilie sich trennt. Sollten sich die Eltern scheiden lassen und wird das Stiefkind weiterhin im Testament begünstigt, greifen für ihn die genannten steuerlichen Bestimmungen (BFH v. 19.4.1989, II R 27/86, BStBl II 1989, 627). Der Bundesfinanzhof erläutert, dass die Bindung zwischen Stiefkind und Elternteil eine ebenso innige Bindung sein kann wie zwischen einem Elternteil und seinem leiblichen Kind. Vom Fortbestehen oder Nicht-Fortbestehen der Ehe würde diese Beziehung nicht beeinträchtigt werden. Die Stiefkinder werden demnach den leiblichen Kindern gleichgestellt. Theoretisch könnte sich eine andere Sachlage ergeben, wenn das Stiefkind beim Erblasser gar nicht aufgewachsen ist. Ist es beispielsweise bereits erwachsen, als der leibliche Elternteil erneut geheiratet hat, könnte diese günstige steuerliche Behandlung nichtig werden. Interessanterweise gibt es dazu in Deutschland keine hinreichend bekannten Präzedenzfälle.

Extrahinweis: In unserem anfänglichen Beispiel mit Thomas als Stiefvater hätte Mara nichts geerbt. Hätte es ein Testament zu ihren Gunsten gegeben, hätte sie von Thomas geerbt. Für das Erbe hätte Mara keine Erbschaftsteuer gezahlt, sofern ihr Anteil nicht die 400.000 € überschritten hätte. Würde der Wert ihres Erbes inklusive der Immobilien in München und etwaigem Barvermögen die 400.000 € überschreiten, müsste sie für das Erbe abzüglich des Freibetrags von 400.000 € eine Erbschaftsteuer zahlen. Das hätte Thomas unter Umständen verhindern können, indem er bereits zu Lebzeiten frühzeitig seinen Kindern und seinem Stiefkind großzügige Schenkungen gemacht hätte. Für Schenkungen greift nämlich der gleiche Freibetrag wie fürs Erbe. Als Zeitraum zieht das Finanzamt zehn Jahre heran. Innerhalb von zehn Jahren ist es daher möglich, dem Stiefkind steuerfrei Schenkungen in der Höhe von bis zu 400.000 € Gesamtsumme zugutekommen zu lassen.

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Oct 21, 2018
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